Uns geht’s gut in Skandinavien. Hervorragend, könnte man sogar meinen. Aber tendenziell auch zu gut: Während wir glücklich sind und einfach hyggen, schämen wir uns über die globale Ungleichheit. So, lautet es in der neuen Studie “Scanguilt” aus Norwegen, unter der Leitung der Literaturprofessorin Elisabeth Oxfeldt. 

“Ich wollte untersuchen, wie man in skandinavischer Kultur Nationalidentität definiert und abgrenzt. Und da habe ich bemerkt, dass es viele Erzählungen von “Majoritätsskandinavier*innen”, gibt, die privilegiert und in einer globalisierten Zeit auf die leidenden anderen aufmerksam sind.” So sagte die in Oslo arbeitende, dänische Literaturprofessorin Elisabeth Oxfeldt zur dänischen Zeitung Information. Mit ihrem Projekt “Scanguilt” will sie untersuchen, wie Scham und Schuld in der Kultur zum Ausdruck gebracht wird.

Oxfeldt analysiert wie die kulturelle Identität der Skandinavier*innen eine gewisse Ambivalenz hat: Wir freuen uns nicht nur, dass es uns so gut geht. Wir sind mittlerweile auch schmerzhaft bewusst, dass es anderen deutlich schlechter geht. 

“This is a sense of guilt at being privileged at the expense of oppressed people in other parts of the world, historically through colonization and imperialism, and in the present moment through neo-imperialism, global capitalism, and disregard for climate change (affecting global others as well as plants, animals, and the planet overall),” schreibt Oxfeldt in Journal of Aesthetics and Culture (2018).

Generation Ethik 
In Dänemark ist seit langem die Rede davon, wie die Literatur – besonders Lyrik – wieder eine politische Dimension bekommen hat. Wie junge Autor*innen sich als Opposition zur geführten Politik äußern. Generation Ethik, nannten Kritiker*innen diese neue Gruppe aus politischen Dichter*innen. 

Das, was die Generation Ethik kennzeichnet, “ist eine ethische Verpflichtung gegenüber der Welt. Frühere hat man vielleicht auch eine ästhetische Gemeinschaft gehabt, aber es war nicht diese direkte Verbindung zu einer Art Ethik,” sagt der Literaturwissenschaftler und Kritiker Mikkel Frantzen, und die Dozentin an der Universität Lund in Schweden ergänzt: “Mit der Ethik folgt auch eine politische Bewusstheit, die lange in der Literatur als unpassend galt. Es ist früher fast ein Tabu gewesen, Politik und Literatur in Verbindung zu setzen. Es ist ja auch schlecht, wenn es ideologisch oder dogmatisch wird, aber das ist bei diesen Autor*innen so gar nicht der Fall.” 

Zu diesen Autor*innen zählt u.A. Victor Boy Lindholm, den Oxfeldt auch als Beispiel dafür nennt, wie Schuld als ein Thema in der neuen Literatur dargestellt wird. Sein Gedichtband GOLD handelt davon, ein junger erlebnissüchtiger Mensch zu sein, der die Ressourcen der Welt verbraucht und aus den schlechten Bedingungen ander einen Vorteil zieht.  

GOLD ist eine politische Untersuchung von allem was in der westlichen Welt glitzert. Aber nicht alles was glitzert ist, wie wir wissen, Gold. Und so beschreibt es Victor Boy Lindholm selber: 

“Es heißt GOLD, weil das Metall sich in einem lässigen Verhältnis zur Welt in der ich mich befinde, materialisiert. Gold ist dekadent, aber auch Alltag. Genau so wie das Leben in der westlichen Welt.” 

GOLD lässt sich lesen, als eine Betrachtung des modernen Kapitalismus, des grassierenden Rechtspopulismus in Europa, der Natur und ihrer Zerstörung durch den Menschen, und des Jungseins in dieser Welt. 

Aus dem Buch: 

glückwunsch zu diesen tagen
zu all dem regen den das nylon in sich aufsaugt wenn der mond mit goldketten scheint
der regen der in den sand peitscht
erzähl mir warum man reich wird
it must be the money
der mond versteht
dass in meinem mountain dew depression ist
dass ich hilfe brauche um
die katastrophen um mich herum zu verstehen 
glückwunsch zu diesen tagen
an denen ich komplett ausgerüstet in nylonjacken durchgeweicht
durch den regen laufe
der aussieht wie ein wunsch
dass mountain dew vom himmel regnen solle 
dass der himmel das macht was der mond sagt und es die depression regnet
von der ich weiß dass sie in mir lebt
aber es ist ok
weil ich verstehe nicht alle katastrophen
um mich herum
griechenland vs. weltbank