16. Februar 2020

Buchpremiere: „Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen“ von Anders Haahr Rasmussen

Ein lustiger und spitzfindiger Kochbuchroman ü ber Essen als Eskapismus, Genuss, Flucht und Identität. Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen von Anders Haahr Rasmussen erscheint am 22.02.2020 im Nord Verlag.

Wie handelt man richtig? Wie kann man nicht nur die richtigen Meinungen haben, sondern tatsächlich auch nach ihnen handeln? Amanda ist Anfang dreißig, Vegetarierin und Soziologin. Sie ist der Inbegriff der politischen Korrektheit und trotzdem irgendwie unsympathisch, heuchlerisch und manchmal wirklich over the top

„Anders Haahr Rasmusssen hat es geschafft: Er verbindet Zeitbild und Gesellschaftsdebatte mit der richtigen Menge an Ernst und Humor, aus einer einzigartigen Perspektive: Amanda.”

litteratursiden.dk 

Wir begegnen Amanda in ihrer Küche in Brooklyn, in der sie ihren Tag und ihr Leben reflektiert, ü ber Freunde urteilt und sich selbst als im Grunde ziemlich gute Person beschreibt. All das geschieht, während sie aus wenigen Zutaten das Bestmögliche rausholt, Reste verwertet und durch ihre Mahlzeiten versucht, die Welt zu retten. Aber einfach ist das nicht. Denn schließlich ist sie auch Doktorandin in Soziologie an der New York School of Technology, kommt gerade aus einer längeren Beziehung und weiß nicht so genau, was sie will. 

Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen von Anders Haahr Rasmussen erschien im dänischen Original 2018 unter dem Label Kochbuchroman. Um wirklich danach zu kochen, braucht man allerdings etwas Fantasie. Immerhin beginnt jedes Kapitel mit einer Zutatenliste, die anschließend verarbeitet wird, während Amanda mit sich und ihrem Publikum spricht. 

„Amanda macht einerseits deutlich wie schwierig es ist, aufrichtig in dieser Gesellschaft zu leben, und andererseits, dass es auch Augenblicke voller Hoffnung und Licht gibt, die es trotzdem noch ermöglichen, echte Verbindungen zu einander, zu Gemü se und den Vö geln zu haben. Für mich sollte das auch Aufgabe der Literatur sein: Diese Herausforderungen aufzuzeigen, ohne zynisch zu werden.”

– Anders Haahr Rasmussen im Interview mit der Zeitung Politiken 

In Dänemark wurde der Roman für den dänischen Debütantenpreis nominiert. Die Art, wie er Journalismus, Literatur und Essay in einer humorvollen und zugänglichen Sprache vereint, hat sowohl Presse als auch Leser*innen direkt überzeugt. 

Das Buch erscheint 22.02.2020. Die öffentlich Buchpremiere findet am Tag davor in der Berliner Buchhandlung Uslar & Rai statt. Mehr Info hier.

7. Januar 2020

Die Vorstellung von einem ‚Goldalter‘ des Lesens ist eine Illusion

Es muss jetzt Schluss sein mit dem schlechten Gewissen über all das, was du noch nicht gelesen hat. Und die Forschung ist auf deiner Seite.

Wir kennen es alle: Bücherstapel neben Bücherstapel, die wir vorhaben zu lesen, aber durch die wir noch nicht durch sind. Und das entstehende schlechte Gewissen, weil wir uns ablenken lassen, Social Media checken oder wieder in der Netflix-Falle fallen. Gleichzeitig die Vorstellung davon, dass das alles ein modernes Phänomen sei — dass Menschen früher im Kerzenlicht Buch nach Buch gelesen haben. Aber so war das gar nicht, laut einer umfangreichen Dissertation der dänischen Buchhistorikerin Tina Lupton. 

Neulich hat sie ihre Dissertation Reading and the Making of Time in the Eighteenth Century an der Universität Kopenhagen verteidigt, in der sie 20 Case Studies analysiert. Die Case Studies sind aus dem 15. Jahrhundert und untersuchen die Lesegewohnheiten historischer Personen. Und die Konklusion ist klar: Früher war das Lesen — oder das fehlende oder ‚falsche‘ Lesen — genau so wie heute mit einem schlechtem Gewissen verbunden: 

„Lesen war nicht mit purem Genuss verbunden“, sagt Tina Lupton zur dänischen Zeitung Information. „Lesen hat immer den Nebeneffekt des schlechtem Gewissens und eine Angst, dass man Zeit mit dem Falschen verschwendet, produziert. Egal ob das ‚Falsche‘ schnelle Nachrichten und oberflächliche Romane wie im 18. Jahrhundert und verdummende Medien wie Instagram und Facebook im 21. Jahrhundert sind“, sagt sie.

Sehr apropos kommt hier eine kurze Ablenkung: Instagram muss kein verdummendes Medium sein — Instagram ist, was du daraus wird. Ich persönlich habe da unfassbar viele schöne Menschen kennengelernt, und vieles gelernt. Aber du musst deinen Feed so einrichten, dass du nicht nur das siehst, was du schon kennst. Hier habe ich mehr dazu geschrieben

Und jetzt zurück zum Lesen: 

„Es gibt kein Goldalter des Lesens. Und es hat auch nie existiert. Das gute, kultivierte Lesen ist immer nur eine Vorstellung gewesen, die der Zukunft gehörte — eine vor der geträumt, gehofft und nach der gestrebt wurde. Während das Lesen, das tatsächlich praktiziert wurde, zu allen Zeiten, als unzulänglich und problematisch verstanden worden ist“, sagt sie der Information

Aber mit einem schlechten Gewissen kommen wir nicht weiter, hier also meine Aufforderung: Lese mit Genuss, mit Neugierde, und wenn es sich gut anfühlt. Lese solange — oder so kurz — es geht. Und freue dich, dass noch so viele gute (Lese-)Erlebnisse auf dich warten.  

6. Januar 2020

Mein Traum ist der Buchmarkt, den es noch nicht gab

Die Krise des Buchhandels, der Verlage und der Literatur wird überall besprochen. Zuletzt ging es im Berliner Tagespiegel um die Barsortimente die Titel aussortieren. Aber die Romantik des Buchmarkts, dass es nicht mehr so sei, wie damals, bringt uns nicht weiter. Deshalb träume ich nicht von dem Buchmarkt, den es mal gab, sondern von dem, der immer noch in der Entwicklung ist.

Bücher sind eine uralte Kunstform. Und obwohl sie sich tausendmal entwickelt hat – wie man druckt, die Farbe, das Papier, die Typographie – gibt es Sachen für uns Buchliebhaber, die sich nie ändern werden, bzw. nicht ändern dürfen. Wenn wir einfach zurückkehren könnten, zu den guten alten Zeiten, als alle Menschen noch Bücher lasen und sie im lokalen Buchhandel kauften, dann wäre das unsere Rettung. Weil das Leben vom Büchermachen- oder verkaufen, nicht mehr so einfach ist.

Früher war einfach mehr Lametta. Jetzt gibt’s Internet, Streaming, Social Media und das romantische Bild ist trübe geworden. Im Berliner Tagesspiegel hieß es mitte Dezember, dass die Barsortimente an den geringeren Umsätzen der Verlage schuld seien, weil sie Titel aussortieren. Als kleiner Verlag ist man super abhängig davon, dass Bücher liefer- oder bestellbar sind, aber das Problem ist, dass es heutzutage nicht ausreichend ist, dass ein Buch lieferbar ist, es muss auch quick n’ easy sein, weil jeder Aufwand als große Barriere gesehen wird.

Ich kenne das Problem mit der Zugänglichkeit von Büchern nur zu gut. Als minikleiner Verlag, der in keinem Fall ökonomisch sinnvoll ist, weiß ich, wie schwierig es ist in den Handel zu kommen. Aber mir ist auch bewusst, dass der alte klassische Weg nicht die Zukunft ist. Wir brauchen einen anderen Markt, und das bedarf, dass sich nicht nur Buchkäufer, sondern alle, vom Autor bis zu Amazon, verändern. Wir müssen einen neuen Pfad betreten, und das dauert. Es ist aufwendig, und vielleicht klappt es nicht, aber eines ist sicher: Wenn wir nichts machen, können wir auch jetzt gleich aufgeben.

So wie neugierige Backpackerinnen von heute die Reiseagentur nicht vermissen, weil alles direkt für sie zugänglich ist, so könnte es auch mit Büchern werden. Dies ist kein Plädoyer für die Internetgiganten, die Millionen und Millionen Bücher verkaufen, sondern für den Buchladen der sich was traut. Als kleiner Verlag ist man auf die Distributionsweise der Großen angewiesen. Sprich: Andere haben für mich Rabatte mit den Buchhandlung verhandelt. Aber wieso akzeptieren wir einen Buchmarkt, in dem die große Ketten weniger pro Buch zahlen müssen als die kleine lokale Buchhandlung, in der Bücher mit Herz und Hand vermittelt werden? Wieso haben wir eine Entwicklung zugelassen, in der ein Buch nach drei Monaten als (zu) alt bezeichnet wird? Das Streben (von allen Seiten!) nach Neuem, treibt uns alle in den Ruin. Nicht nur finanziell, sondern auch kulturell. Weil die Sache mit Büchern war wohl schon immer – und soll auch weiterhin so bleiben – dass sie immer aktuell sind. Für Leserinnen macht es kaum einen Unterschied, wann das Buch erschienen ist, solange es gut ist. Und wenn die Aktualität oder die „Haltbarkeit“ eines Buches sich verlängert, dann hätten wir da schon einen positiven Einfluss auf die Verkaufszahlen.

Wir müssen akzeptieren, dass Märkte sich verändern. Aber wir müssen auch bald einsehen, dass wir selber ein Teil der Entwicklung sind. Wir können Sachen verändern. Aber nur wenn wir wollen. Ich träume nicht von der Welt und dem Buchmarkt von gestern, sondern von einem, den es noch nicht gibt.

14. November 2019

„Autofiktion ist tot – Es lebe die Exofiktion!“

... so schrieb die größte dänische Zeitung Politiken 2017 in einem Artikel über die neue, aus Frankreich stammende Tendenz, Exofiktion – Literatur, die die persönliche Geschichte einer historischen Person inszeniert.

Eines der ersten Bücher in dieser neuen Tendenz erschien 2016 in Norwegen und Dänemark, geschrieben von der Kunstwissenschaftlerin Kirstine Reffstrup. Die historische Person heißt hier Unica Zürn, die damals wie heute weniger für ihren eigenen Werken bekannt ist, als dafür, dass sie die Frau des deutschen Künstler Hans Bellmer war.

Kirstine Reffstrup hat originales Material aus Zürns Hand bearbeitet und auf diesem Fundament ihre Lebensgeschichte neu betrachtet. Mit einer Mischung aus Zitaten und Reffstrups eigener Fantasie und bilderreicher Sprache, entwickelt sich die Geschichte einer Emanzipation, einer Zerstörung und Neuaufrichtung eines Ichs, und von einer Zeit, in der Europa genau so zerrüttet war, wie der Geist der fiktiven Unica Zürn. 

Die Handlung

Es ist 1957, das Künstlerehepaar Unica und Hans hat sich vom Leben in Paris und Berlin in ein Haus im französischen Dorf Ermenonville zurückgezogen. Als Hans eines Tages einen Brief eines Kunsthändlers erhält, der ein neues Werk kaufen möchte, beginnen er und Unica damit, dieses Werk zu schaffen: Eine Puppe in Lebensgröße. Während Unica die Jacke der Puppe näht, verliert sie sich langsam in den Erinnerungen an ihr früheres Leben vor und nach dem Krieg in Berlin und in der Abgeschiedenheit des Hauses.

Die Autorin

Kirstine Refstrup, geboren 1979, ist Kunsthistorikern und hat Abschlüsse von der Akademie derSchreibkunst in Bergen und der schwedischen Autorenschule Litterär Gestaltning, in Göteborg. 2013 hat Kirstine Refstrup Unica Zürns Hexentexte übersetzt. 2016 erschien ihr Debütroman Ich, Unica (Im Original: Jeg, Unica). Eine literarische Fantasie über historische Personen, die Zeichnerin und Autorin Unica Zürn und ihren Mann, den Künstler Hans Bellmer. Ich, Unica erschien gleichzeitig beim Verlag Oktober in Norwegen und bei Gyldendal in Dänemark, und 2018 in Schweden beim Verlag 10tal.

2. Juli 2019

“Ich lese nie Krimis” — Interview bei Besser Nord Als Nie

Skandinavische Bücher sind in Deutschland sehr beliebt. Was glaubst du, woran das liegt? 
Ein riesiges Marketingbudget! Skandinavien hat es geschafft, die Gesellschaftsmodelle und Lebensweisen so gut zu verkaufen, dass gefühlt alles gut ankommt, wenn es aus dem Norden ist.

Wie hat sich die Literaturlandschaft in Skandinavien entwickelt? Und wieso sind nordische Literatur überhaupt so populär in Deutschland? Besser Nord Als Nie hat Fragen gestellt, Camilla Zuleger antwortet.

Ganzes Interview lesen

2. Juli 2019

„Mein Verlag ist mein kleiner Protest“ — Interview bei edition f

Der „Nord Verlag” verlegt junge skandinavische Autor*innen für das deutschsprachige Publikum. Es gibt einen eigenen Webshop, ein liebevoll bespieltes Instagram-Profil und eine Gründerin, die es schafft, ihre Liebe für Bücher weiterzugeben. Wir haben mit Camilla Zuleger über das Verlegen mit deutschen bürokratischen Hürden, die Arbeit eines kleinen Verlages und großartige skandinavische Autorinnen gesprochen.

Camilla Zuleger hat mit edition f über die Liebe zu Büchern, das Besondere an den nordischen Ländern, und den Verlag als kleiner Protest gegen der „Hygge“-Hype.

Interview hier lesen

16. April 2019

Im Verlagsbüro #3

Gleich ist Ostern, und das heißt für uns, dass es endlich Zeit gibt, um durch die lange Liste an Sachen zu gehen, die gelesen, gehört oder gesehen werden müssen. Hier teilen wir ein paar Highlights für den Kurzurlaub.
 

The Island von Tove Jansson

Ein Leben ohne die fabelhaften Werke und Welten von Tove Jansson lässt sich kaum vorstellen. In diesem Essay im Paris Review schreibt sie über Inseln und schafft eine überraschend perfekte Kombination aus Heim- und Fernweh. 

Nichts Immer

Der dänische Dichter Caspar Eric ist jetzt auch Musiker, seine neue Band heißt Intet Altid (etwa Nichts Immer) und die ersten beiden Songs der Kopenhagener klingen schon mal vielversprechend.

Poesieapotheke

Das Lyrik gut für die Gesundheit ist, ist uns schon lange klar. Jetzt ist es auch Realität. In Bishop’s Castle in England hat neulich eine Poesieapotheke aufgemacht. 

Liv Strömquist

Liv Strömquist ist einfach genial. Und ihr wisst, dass wir Recht haben, falls ihr schon "Der Ursprung der Welt” gelesen habt. Falls nicht, könnt ihr mit diesem kurzen Video bei Arte anfangen.

21. März 2019

Poesie – größer als nie zuvor?

Das die ersten Bücher unseres Programm Lyrik sind, ist ein Fakt, der so gut, wie schlecht ist. Ich liebe Lyrik, und das Genre erlebt gerade ein gewisses Momentum im Norden. Die jungen Autoren schreiben viel und gern Poesie, und gerade dort gibt es auch die meisten sprachlichen und literarischen Experimente, und deswegen habe ich mich für zwei Gedichtbände entschieden. 

Wir brauchen mehr Poesie im Alltag – und genau dieses Genre passt zu unserer Zeit. Wir haben es alle eilig, und werden ständig mit Informationen, Bildern, Werbungen, und Texten bombardiert. Ein ganzes Buch zu lesen, es gar fertig zu lesen, kann für viele – mich selbst inklusive – als eine große Herausforderung erscheinen. Weil: Wo findet man heute noch die Zeit und die Konzentration dafür? 

Und deswegen sage ich: Lyrik sollte die größte Literatur unserer Zeit sein. Nicht nur wegen ihrer literarischen Qualitäten, sondern auch weil die kurze Form, mehr Literatur in den Alltag bringt. Ein Gedicht jeden Tag, ist ein deutlich einfacheres Ziel, als einen Roman die Woche oder im Monat. 

Positives Beispiel? 2017 war ein Rekordjahr für den Verkauf von Poesie in Großbritannien. Mehr als eine Million Poesiebänder wurden verkauft! Das sind gute Neuheiten für Verlage und Autoren. 

Aber (und es gibt immer ein aber!) Lyrik hat es trotzdem noch schwierig. Und, wie ich glaube, weil das Genre noch etwas gefährlich und unzugänglich wirkt. Viele Buchhandlungen in Deutschland haben erst gar keine Lyrikabteilung, und ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die fast abschalteten, als ich das Wort Poesie zur Beschreibung unseres Programms benutzte. Aber Lyrik reimt sich nicht mehr nur auf  Goethe, Schiller und die anderen alten Romantiker. Heute reimt Lyrik sich auf Wut, Politik und Gefühle im Aufruhr. Das sind alles Sachen, die wir heute mehr als je zuvor nötig haben. 

Also, trau dich! Es wird keine Analyse wie in der Schulzeit gefordert werden. Versuch’ dich mal an Poesie und spür wie es deine Emotionen weckt. Sollte es nicht gleich beim ersten Mal funktionieren, heißt das nicht, dass es passieren wird. Lyrik hat seine eigene Sprache, an die man sich in manchen Situationen erst gewöhnen muss. Lies langsam, lies unterschiedlich, und hab keine Angst, wenn du was du nicht sofort verstehst. Ich verspreche dir: Es lohnt sich. 

Und abschließend und weil heute Welttag der Poesie ist, gebe ich euch eine kostenlose Leseprobe aus Warum bin ich so traurig, wenn ich doch so süß bin von Ingvild LotheLest sie hier

8. März 2019

„Frauen schreiben für Frauen. Männer für alle“

Heute ist Weltfrauentag, und deswegen geht es hier heute um Frauen. Aber tatsächlich reicht das leider nicht. Weil das Problem ist größer als das: Das Problem ist die generelle Ungleichheit in der Welt, das Diskriminierung wegen Hautfarbe, Sexualität oder Religion (um nur ein paar zu erwähnen) immer noch tagtäglich vorkommt, und das Menschen unter der Dominanz anderer Menschen, Klassen oder Gruppen leiden müssen.

Vielleicht ist es nicht richtig, diese Probleme isoliert zu betrachten, aber ich habe mir das heute mal erlaubt. Es gibt andere Menschen, die jeden Tag daran arbeiten, die Ungleichheit als Ganzes zu definieren und zu bekämpfen. Eine solche andere ist z.B. Juliane Rump, die Chefredakteurin des Libertine Magazins. Wie sie das macht, steht außerordentlich schön auf ihrer Website, also lasse ich sie das mal selber erklären:

„LIBERTINE zeigt die facettenreiche Welt und die unterschiedlichen Lebensmodelle von Frauen – fernab von eingefahrene Rollenmustern und Stereotypen. Dabei verteilt LIBERTINE weder Etiketten noch erklärt es seinen Leserinnen, wie sie zu sein haben. Stattdessen transportiert LIBERTINE ein Lebensgefühl: Freihen it. Die Freiheit, zu sein wie wir sind, zu leben wie wir es möchten und zu lieben, wen wir wollen.“

Und jetzt zur Sache. Und zwar, wie die Ungleichheit unter den Geschlechtern in den Medien repräsentiert ist

Gibt es zu wenig Frauen in der Literaturbranche?

Ich finde schon und ich denke, da greifen gleich einige Teufelskreise gleichzeitig. Zum einen sitzen in den Feuilletons der großen Zeitungen hauptsächlich Männer – und diese rezensieren wiederum hauptsächlich Werke, die von Männern geschrieben wurden. Womit sie dafür sorgen, dass deren Literatur bekannter werden, was sie natürlich auch bei Verhandlungen mit den Verlagen stärkt und den Vertrag für das nächste Buch sichert.

Zum anderen gibt es eine geschlechterbezogene Voreingenommenheit. So werden Bücher von Frauen gerne als "Frauenliteratur" abgetan und weniger ernst genommen. Leider sind sich einige Literaturkritiker nicht zu schade, dieses Vorurteil und Schubladendenken zu zementieren. So von wegen: Frauen schreiben für Frauen. Männer für alle. Dies alles spiegelt sich auch in der Vergabe der Literaturpreise, Arbeitsstipendien und der Honorare wieder; so herrscht nach wie vor ein großes Gefälle zwischen Männern und Frauen, was die Dominanz der männlichen Autoren festigt.

80 Prozent der Mitarbeitern an Verlagen sind Frauen, aber in Top-Positionen gibt es nur vier Prozent? Wie können wir das in der Zukunft ändern?

Was den Mangel an weiblichen Führungskräfte in den Verlagen betrifft, ist es hier wohl in so vielen Bereichen: Männer sitzen in den Machtpositionen und fördern am liebsten ihresgleichen, nämlich Männer. Da bewegt sich von alleine leider nicht viel. Deswegen bin ich ein Fan von der Quote - solange bis sie nicht mehr notwendig ist.

Sprechen wir von Gleichstellung in der Literaturbranche: Sind wir in den letzten Jahren weitergekommen? Und wie erreichen wir das Ziel? 

Wir alle sind bereits seit unserer Kindheit von Literatur von Männern umgeben, der viel Bedeutung beigemessen wurde. Das geht schon in der Schule los: Ob im Deutsch-, Philosophie- oder Geschichtsunterricht, zum Großteil waren es die Werke männlicher Autoren, mit denen wir uns beschäftig haben. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Eltern fordern, dass in Schulen nicht nur so einseitig Literatur ausgewählt wird, dass Journalist*innen möglichst viele Bücher von Frauen rezensieren und damit sichtbar machen, und dass die Verlage begreifen, dass es so viel mehr spannende Blickwinkel als die immer gleiche männliche Erzählperspektive gibt.

Wer ist deine Lieblingsautorin?
Oh da gibt es so viele und ständig kommen neue dazu. Anstatt mich jetzt auf eine festzulegen, nutze ich die Frage lieber, um etwas Werbung für meine feministischen Kolleginnen zu machen: Julia Korbik, Svenja Gräfen, Jessa Crispin und natürlich Magarete Stokowski. Alle lesen.

8. März 2019

„Es braucht eine regelrechte Deprogrammierung“

Ich setze mich seit langem mit Themen rund um Feminismus, Gleichheit, Diskriminierung und Sexismus auseinander – auch schon lange bevor ich wusste, dass ich mal Verlegerin sein würde. Für mich war es so: Als ich anfing nachzugucken, sah ich plötzlich doppelt so viele Probleme wie davor. Es ging um Sachen, die nicht sofort deutlich wurden, aber ab dem Moment wo ich sie gesehen hatte, konnte ich nicht wieder wegschauen.

Um mehr Gleichheit in der Gesellschaft zu bekommen – da bin ich mir sicher – werden mehr Frauen in Führungspositionen gebraucht. Leider bin ich auch davon überzeugt, dass wir es selber schaffen müssen – es wird uns niemand helfen. Deswegen bin ich auf die Frauen aufmerksam, die versuchen das zu ändern. So eine Frau ist Christiane Frohmann, die u.A. einen Verlag unter eigenem Namen führt. Oder auch Frau Frohmann, wie sie auf Twitter heißt, und wo ich oft und gern mitlese, wenn sie klug und witzig über die Probleme der Welt schreibt. Deswegen habe ich sie gefragt, wie die Buchbranche sich zukünftig verbessern kann.

Christiane Frohmann ist VerlegerinAutorinund Mitgründerin von ORBANISM

Gibt es zu wenige Frauen in der Literaturbranche?

Es gibt sehr viele Frauen in der Literaturbranche, aber viel zu wenige in Schlüsselpositionen. Dies ändert sich gerade ein bisschen, aber nicht etwa, weil die klassische Branche sich deutlich wandeln würde, sondern weil viele Frauen eigene Verlage gründen, neue Strukturen und Netzwerke bilden. DIY heißt die Losung und Lösung, seit man gemerkt hat, dass man nicht ewig warten kann.

80 Prozent der Verlagsmitarbeiter sind Frauen – in Top-Positionen gibt es trotzdem nur vier Prozent. Wie können wir das in der Zukunft ändern?

Es werden Vielfalts-Quoten in Unternehmen, Jurys und bei Stipendien benötigt, also Quoten, die nicht nur cis-Frauen berücksichtigen, sondern repräsentieren, wie die Gesellschaft sich real zusammensetzt.

Sprechen wir von Gleichstellung in der Literaturbranche: Sind wir in den letzten Jahren weitergekommen? Und wie erreichen wir das Ziel? 

Gleichstellung und Feminismus sind vor allem marketingrelevante Themen geworden, in den Strukturen sehe ich noch nicht so viel Veränderung. Es braucht eine regelrechte Deprogrammierung aller Verantwortlichen, damit sie #umsehenlernen.

Wer ist deine Lieblingsautorin? 

Das ändert sich immer mal wieder, aber seit einer Weile Audre Lorde, weil sie mir wirklich die Augen geöffnet hat.

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