Es muss jetzt Schluss sein mit dem schlechten Gewissen über all das, was du noch nicht gelesen hat. Und die Forschung ist auf deiner Seite.

Wir kennen es alle: Bücherstapel neben Bücherstapel, die wir vorhaben zu lesen, aber durch die wir noch nicht durch sind. Und das entstehende schlechte Gewissen, weil wir uns ablenken lassen, Social Media checken oder wieder in der Netflix-Falle fallen. Gleichzeitig die Vorstellung davon, dass das alles ein modernes Phänomen sei — dass Menschen früher im Kerzenlicht Buch nach Buch gelesen haben. Aber so war das gar nicht, laut einer umfangreichen Dissertation der dänischen Buchhistorikerin Tina Lupton. 

Neulich hat sie ihre Dissertation Reading and the Making of Time in the Eighteenth Century an der Universität Kopenhagen verteidigt, in der sie 20 Case Studies analysiert. Die Case Studies sind aus dem 15. Jahrhundert und untersuchen die Lesegewohnheiten historischer Personen. Und die Konklusion ist klar: Früher war das Lesen — oder das fehlende oder ‚falsche‘ Lesen — genau so wie heute mit einem schlechtem Gewissen verbunden: 

„Lesen war nicht mit purem Genuss verbunden“, sagt Tina Lupton zur dänischen Zeitung Information. „Lesen hat immer den Nebeneffekt des schlechtem Gewissens und eine Angst, dass man Zeit mit dem Falschen verschwendet, produziert. Egal ob das ‚Falsche‘ schnelle Nachrichten und oberflächliche Romane wie im 18. Jahrhundert und verdummende Medien wie Instagram und Facebook im 21. Jahrhundert sind“, sagt sie.

Sehr apropos kommt hier eine kurze Ablenkung: Instagram muss kein verdummendes Medium sein — Instagram ist, was du daraus wird. Ich persönlich habe da unfassbar viele schöne Menschen kennengelernt, und vieles gelernt. Aber du musst deinen Feed so einrichten, dass du nicht nur das siehst, was du schon kennst. Hier habe ich mehr dazu geschrieben

Und jetzt zurück zum Lesen: 

„Es gibt kein Goldalter des Lesens. Und es hat auch nie existiert. Das gute, kultivierte Lesen ist immer nur eine Vorstellung gewesen, die der Zukunft gehörte — eine vor der geträumt, gehofft und nach der gestrebt wurde. Während das Lesen, das tatsächlich praktiziert wurde, zu allen Zeiten, als unzulänglich und problematisch verstanden worden ist“, sagt sie der Information

Aber mit einem schlechten Gewissen kommen wir nicht weiter, hier also meine Aufforderung: Lese mit Genuss, mit Neugierde, und wenn es sich gut anfühlt. Lese solange — oder so kurz — es geht. Und freue dich, dass noch so viele gute (Lese-)Erlebnisse auf dich warten.