„Einige der wahrsten Erzählungen über Menschen habe ich im Reality-TV gesehen“ – Interview mit Victor Boy Lindholm

Von Camilla Zuleger

Mit GOLD hat Victor Boy Lindholm sich sowohl als zentraler Dichter der skandinavischen Literatur-szene manifestiert als auch eine Ablehnung der Feinkultur als das einzige Thema der Poesie ins Zentrum gestellt.

Er war 2014 in Dänemark, als GOLD erschienen, in aller Munde. Der junge Dichter, so Universitätsprofessoren, hatte den Ausdruck der Poesie revolutioniert. Internetsprache, Jugendslang und -Kultur wurden nicht aus der Lyrik ausgeschlossen, sondern Teil einer sehr poetischen Erforschung der Heuchelei und der Machtlosigkeit, wie sie im Westen vorherrschen. Das führte dazu, dass das Thema „Geschmack“ in der Literaturwissenschaft und -Kritik wieder unter die Lupe genommen wurde. Für Victor ist Literatur immer politisch, und daher auch der Stil in GOLD. Aber wie steht er zu Geschmack, Politik und dem unendlichen Krieg zwischen Hoch- und Popkultur?

Gibt es überhaupt so was wie guten und schlechten Geschmack in Bezug auf Literatur oder Kultur? 

VBL: Aus einem neutralen Blickwinkel heraus, gibt es keinen guten oder schlechten Geschmack. Jede Beurteilung ist immer ideologisch. Das ist die erste Sichtweise, über die man sich klar werden muss. Die Vorstellung von einer Kulturelite, die eine literarische Richtung diktieren darf und muss, ist tot.

Die Kunst darf auf Gedeih und Verderb nicht die Erwartungen einer verankerten Konventionen erfüllen, wie man es vor der Moderne sah. Auf diese Weise hat die Moderne dazu beigetragen, die Kunst zu befreien. Auf der anderen Seite, ist es jetzt schwieriger, zwischen dem Guten und dem Schlechten zu unterscheiden, weil man keine klaren Richtlinien mehr dafür hat, was ein gutes Gedicht ist. Es steht offen zur Diskussion, Kunst steht offen zur Diskussion. Deswegen kann ich auch nicht sagen was per Definition gut ist. Die Aufgabe der Kritik ist es dahingegen, ihre Sichtweise darzulegen, sei es Musik, Kunst, TV-Serien oder Literatur, und zu sagen: Dies ist meine Argumentation und meine Beurteilung des Werkes.

In GOLD kommen sowohl Thomas Bernhard als auch der Rapper Nelly vor, die im gängigen Verständnis als Repräsentanten für Hoch- bzw. Populärkultur gelten. Ist Bernhard besser als Nelly?

VBL: In GOLD treten Thomas Bernhard, ein literarischer Darling, und der Rapper Nelly neben einander auf. Ich stellte mir das als eine Dialektik im Buch vor, die unmittelbare Hochkultur und die unmittelbare Populärkultur sollten nebeneinander stehen, weil so die Wirklichkeit aussieht. Denn in der Realität ist es auch schwierig, diese Hoch- und Populärkultur-Zonen aufrechtzuerhalten. Die Sprache überschreitet Grenzen und mixt alles. Ich könnte Bernhard lesen, während ich Nelly höre, um dann danach „Bauer sucht Frau“ zu gucken. In dieser Art und Weise imitiert GOLD in seiner Form den Charakter der grenzüberschreitenden Sprache, und im Gedichtband wird man, ganz natürlich, eingelagerte Zitate aus Büchern, Filmen und Musik finden. Daran ist nichts kontrovers. Die Sprache gehört allen, nicht einer Elite.

Warum ist es, deiner Meinung nach, wichtig für manche Menschen, eine Aufteilung oder Beurteilung in der Literatur an sich, zu machen?

VBL: Sprache ist Macht. Kultur ist Macht. Das Definitionsrecht für die richtige Kultur zu besitzen, ist wichtig für die Machthaber. Deswegen ist es auch wichtig darauf zu bestehen, dass die Kunst frei ist, und dass es Kunst nicht unbedingt nur in der großen Literatur gibt. Sprache kann brutal sein, wenn sie exkludiert, und deswegen muss alles was fest ist, lose geklopft werden. Wenn man schreibt, muss man jedes Mal wieder von vorne anfangen und sein Gerüst aufbauen – nicht nur mit einem literarischen Kanon, nein, man muss darüber hinaus gehen und in den Ecken suchen, man muss es in die Kunst, die nicht im Zentrum steht, hineinbringen und dem Machtvollen widersprechen. Wenn das Parnass sagt, Reality-TV sei per Definition schlecht, dann muss man betrachten, was es wirklich ist. Wenn die Machthaber ein bestimmtes Kulturprodukt mit Füßen treten, dann treten sie auch die Konsumenten dieses Produktes mit Füßen. Deswegen ist es wichtig, dass man eine besondere Degradierung eines Kulturproduktes vermeidet. Einige der wahrsten Erzählungen über Menschen habe ich im Reality-TV gesehen.